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Niedrigste Schwierigkeitsstufe: Hardcore

Meine ersten vier Wochen nach der Geburt unseres Sohnes haben bei mir dazu geführt, dass ich immer wieder über ein auf den ersten Blick komplett anderes Phänomen nachdenken muss: male white privilege
In der vor allem Amerikanischen Debatte um „male white privilege“ kommt immer wieder von eben jenen Privilegierten, den weissen Männern der Mittelschicht die erbitterte Zurückweisung eben dieses Phänomens: Es gibt keine Bevorzugung, all ihre Errungenschaften sind hart erarbeitet. Den Schul- und Universitätsabschluss hat ihnen niemand geschenkt, für die guten Noten mussten sie hart arbeiten und in den ersten Job haben sie sich durch Kompetenz, Engagement und soziale Kompetenz bewiesen und hervorragend in die Arbeitskultur eingegliedert.

Wenn andere eben nicht die gleichen Erfolge verbuchen können, haben sie sich eben nicht so sehr angestrengt, hatten weniger Zug zum Tor und haben vielleicht sich anbietende Gelegenheiten nicht so beherzt ergriffen. Kann ja niemand was dafür, dass andere weniger hoch gesteckte Ziele verfolgen.

Es ist nachvollziehbar, dass sich das für die einzelne Person so anfühlt – sie hat zumeist ja nur sich und ihr unmittelbares soziales Umfeld zum Vergleich.

Der bisher beste Vergleich, den ich für den Mechanismus des Privilegs der männlichen weissen Mittelschicht gelesen haben ist jener: Die Privilegierung zu geniessen ist wie das Leben auf der niedrigsten Schwierigkeitsstufe zu spielen.

Jetzt kann natürlich sein, dass dieser Vergleich lediglich den Nerd in mir anspricht, aber ich finde ihn sowohl anschaulich als auch zutreffend: Es müssen die gleichen Institutionen durchschritten und die gleichen Meilensteine erreicht (bzw. auch die selben Endbosse besiegt) werden. Am Weg dorthin ist jedoch jeder einzelne Schritt mehr oder weniger subtil leichter.

Warum ich über dieses Thema of nachdenken muss:

Mit ist bewusst, dass ich – zumindest bis jetzt – unseren Sohn auf der niedrigsten Schwierigkeitsstufe bekommen habe:

  • Die Schwangerschaft war unkompliziert, an ihrem Ende hat uns ein gesundes Baby erwartet.
  • Ein Kind zu bekommen war eine bewusste, gemeinsame Entscheidung von Jakob und mir. Keiner von uns würde Jakobs Rolle als lediglich unterstützend beschreiben – wir tragen gleichberechtigt Verantwortung für unseren Sohn und teilen uns die anfallende Arbeit so gut wie möglich gerecht auf. Es war für ihn selbstverständlich, dass er im Krankenhaus ins Familienzimmer mitkommt, das erste Monat nach der Geburt zu Hause bleibt und die Karenz 50:50 aufteilt.
  • Wir sind beide gut ausgebildet und finanziell stabil. Mein berufliches Umfeld war schon während der Schwangerschaft extrem unterstützend.
  • Wir sind von anderen Jungfamilien umgeben, die uns gleichberechtigte, liebevolle, erfüllende Elternschaft täglich vorleben und auf deren Entscheidungen wir aufbauen können.
  • Unsere Eltern sind großteils in Wien und können von ihrem ersten Enkel gar nicht genug bekommen.

Und dennoch bin ich bis jetzt fast erdrückt vor der Herausforderung, ein Kind aufzuziehen. Es graut mir bei dem Gedanken, ab jetzt die Tage alleine mit ihm zu verbringen und niemanden bei mir zu haben wenn sich unser Sohn nicht beruhigen lässt und ununterbrochen schreit, wozu er durchaus tendiert.

Ich merke, das es langsam besser wird, aber gerade die ersten drei Wochen war ich verzweifelt. Die hormonelle Umstellung nach der Schwangerschaft war heftig und haben in Kombination mit der Erschöpfung gerade in der Zeit im Krankenhaus die auftretendenStillschwierigkeiten unüberwindbar erscheinen lassen. Ich hatte das Gefühl, an der scheinbar natürlichsten und grundlegendsten aller mütterlichen Aufgaben – das eigene Kind zu ernähren – zu scheitern.

In den ersten beiden Wochen bin ich auch zu Hause regelmäßig spontan in Tränen ausgebrochen, was Jakob, der sich dann um zwei Personen kümmern musste, etwas ratlos machte. Für eine Person wie mich, deren Selbstbild zu einem westlichen Teil darauf basiert, tough und abgeklärt, um nicht zu sagen urban-sarkastisch zu sein, war dieser Zustand sehr irritierend.

Natürlich wäre es möglich gewesen, auf Flaschennahrung umzusteigen. Aber nach neun Monaten Indoktrination, dass nur ausschließliches Stillen während der ersten sechs Monate dem Kind den besten Start ins Leben ermöglicht, wäre das eine für mich nicht ertragbare Niederlage gewesen.

Dass wir – mit intensiver und großartiger Unterstützung von Jakob und im weiteren auch einer Stillberaterin, einem amerikanischen Stillkissen zum Umschnallen und naturbelassenen Nahrungsergänzungsmittenl drangeblieben sind und wir derzeit nicht zufüttern müssen war eine große Erleichterung, hat aber ein anderes Thema eröffnet: Das Baby und ich sind durch das Stillen aneinander gekettet.

Alle eineinhalb bis drei Stunden – in unvorhersehbaren Intervallen auch wesentlich häufiger – wird er hungrig und muss gestillt werden. Abgepumpte Muttermilch aus der Flasche verweigert er zumeist. Falls nicht verlangt er dennoch die Brust. Das macht meinen Radius unglaublich klein. In vier Wochen war ich zwei Mal alleine beim Spar ums Eck. Ein Mal war ich ohne Jakob mit dem Baby bei der 10 Minuten entfernten Stillgruppe. Das wars.

Als Jakob in den Tagen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus die notwendigen Behördenwege und Besorgungen unternommen hat, während das Baby und ich zu Hause geblieben sind, habe ich ihn unglaublich beneidet. Er hat jetzt auch ein Kind, kann aber trotzdem immer noch alleine unterwegs sein. Ab Montag wird er wieder arbeiten gehen. Kann ganz normal und ohne Umstände in eine U-Bahn einsteigen, oder eine Straßenbahn, sogar wenn es kein Niederflur-Wagen ist. Wenn er will kann er Mittags in ein Lokal mit KollegInnen essen gehen. Am Nachhauseweg auch mal spontan noch ein paar Erledigungen einschieben. Für mich dagegen ist derzeit bereits der Gedanke, das Baby alleine ausgehfertig zu machen und im derzeit wirklich grauslich nass-kalten Wien im Kinderwagen zu schieben mehr als respekteinflößend.

Was ich eigentlich sagen will: Ich weiß, dass ich kaum ein Recht habe, mich zu beschweren. Viel leichter als wir kann man es gar nicht haben, wenn man ein Kind auf die Welt bringt. Außer man kann sich eine live-in Nanny leisten, die alle Nachschichten übernimmt und einem nur auf Aufforderung ein gewaschenes, gefüttertes und mit frischen Windeln ausgestattetes Baby zum Kuscheln präsentiert (Hach!). Aber es ist trotzdem verdammt schwer.

Das sagt einem eigentlich eh jedeR. Ich habe es trotzdem unterschätzt.