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Jochen und ich

Schon vor längerer Zeit habe ich Fritzi und ich von Jochen König gelesen. Das Buch hat mich sofort angesprochen, auch wegen des (reisserischen, aber ich bin für so etwas sehr empfänglich) Untertitels „Von der Angst eines Vaters, keine gute Mutter zu sein“. Ein Vater, der nicht nur den Anspruch hat, „mitzuhelfen“, sondern eine aktive Rolle in der Erziehung seines Kindes einnehmen will. Damals war die Kinderplanung noch nicht konkret, aber ich wusste: Wenn wir ein Kind bekommen, will ich das auch!

Beim ersten Lesen hat mich das Buch beeindruckt, weil es sehr persönlich geschrieben ist und einen guten Eindruck davon vermittelt, wie sehr es als ungewöhnlich wahrgenommen wird, wenn sich ein alleinerziehender Mann von Anfang an überwiegend um ein Kind kümmert (Fritzi aus dem Buch lebt zwar überwiegend bei ihrem Vater, aber nicht ausschließlich – das habe ich beim Lesen des Buches und beim Reden drüber oft vergessen, deswegen erwähne ich es hier). Der Autor war zum Teil auch eine Identifikationsfigur für mich –  ein großer Teil des Lebens des eigenen Kindes zu sein, das will ich auch.

Aber je konkreter unsere Familienplanung wurde und je intensiver ich mich damit beschäftigt habe, dass ich selbst Vater werde, desto mehr bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Jochen König und ich kaum etwas gemeinsam zu haben. Irgendwie habe ich wohl gedacht, dass es reicht, ein Mann zu sein und sein Vatersein ernst zu nehmen, um große Überschneidungen in der Lebensrealität zu haben. Das ist nicht so. Aufgeschrieben klingt das banal, aber für mich war es eine wichtige Erkenntnis, dass – zumindest öffentlichen Diskurs – die Menge der Personen, auf die diese beiden Merkmale zutrifft, so klein ist, dass ich mir gedacht habe: Toll, jemand wie ich.

In Wirklichkeit sind wir völlig unterschiedlich: Im Buch beschreibt Jochen, dass er die einzige (oder eine von ganz wenigen) Personen in seinem Bekanntenkreis ist, dessen Lebensmittelpunkt nicht Studium, Job und/oder Parties sind, sondern Kindererziehung. Seine Familie lebt nicht in der selben Stadt wie er, sein Unterstützungs-Netz ist dünn bis nicht vorhanden. Er und Fritzis Mutter entscheiden sich von Anfang an, in getrennten Wohnungen zu leben. Er hat es viel, viel schwerer als ich, seine Situation ist, wie er selber sagt, viel eher der einer alleinerziehenden Mutter vergleichbar als meiner: Ich kümmere mich gemeinsam mit Lisa um das Kind, wir haben unzählige Jungfamilien in unserem Bekanntenkreis, auf deren Unterstützung, Erfahrung und Babykleidung wir zurückgreifen können, unser beider Familien sind emotional und geographisch ums Eck, wir sind finanziell abgesichert, wir haben uns als Paar gemeinsam für das Kind entschieden – ich könnte die Liste noch fortführen.

Zuerst dachte ich, ich könnte durch die Lektüre Hilfestellungen für mein eigenes Vatersein bekommen – das hat sich nicht bewahrheitet. Anspruch und Ausgangssituation sind zu unterschiedlich. Dafür habe ich etwas anderes gelernt, das genau so banal klingt wie meine erste Annahme: Es gibt so viele Wege, ein aktiver Vater zu sein, wie eine aktive Mutter zu sein. Aber weil die Betreuungs- und Erziehungsarbeit immer noch so ungleich verteilt ist, werden „die aktiven Väter“ oft zu einer Gruppe zusammengefasst, die sie überhaupt nicht sind. Diese Vielfalt zu zeigen und drüber zu reden, ist ein wichtiger Schritt und praktischerweise (für mich, für eine extrem elegant Überleitung) genau das, was Jochen König in seinem zweiten Buch macht: Mama, Papa, Kind? ist eine Mischung aus Erfahrungsbericht und Reflexion über die Vielfalt möglicher Familienmodelle.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde das, was Jochen König macht, super. Aber ich glaube, dass er (ohne etwas dafür zu können) Öffentlichkeit und Anerkennung für die falsche Sache bekommt: Viele Artikel über ihn benutzen die Tatsache, dass er ein Mann ist und sich hauptsächlich um ein Kind kümmert, als Aufhänger, aber darum geht es nicht (und ich glaube, dass er mir da zustimmen würde). Worum es geht, ist, klarzumachen, dass es keine bestimmte Familien- oder, Lebenskonstellation braucht, um ein Kind liebevoll großzuziehen. Es gibt halt wenige Vorbilder abseits der heterosexuellen Zweierbeziehung dafür, deswegen ist es anstrengender, weil man nicht auf die Erfahrungen anderer zurückgreifen kann. Aber das hat auch Vorteile: Immer, wenn ich der Norm nicht entspreche, werde ich gezwungen, mich bewusst mit meiner Identität auseinanderzusetzen, egal ob diese Norm sexuelle Orientierung, Kinderwunsch oder politische Orientierung betrifft.*

Und diese Arbeit, dieses Erforschen, was es für einen selber braucht, um ein gutes Elternteil sein zu können, ist unglaublich notwendig: Für viele Menschen ist die Aussicht, Kinder zu bekommen, keine besondere Freude. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, und keine Kinder bekommen zu wollen ist selbstverständlich ok, aber ich glaube, dass es doch Umstände gäbe, unter denen sich mehr Menschen bewusst und mit all ihrer Leidenschaft ins Elternsein stürzen würden – aber das soll hier kein Forderungskatalog werden.

Nur so viel: Mein Traum wäre es, dass wir als Gesellschaft auf jemand, der auh nur laut überlegt, Kinder zu bekommen, folgendermaßen reagieren: „Großartig, du bekommst alles, was du brauchst. Du bist eine Heldin (oder ein Held)! Wir sind für dich da!“. Oder, salopper formuliert:

* Manchmal wünsche ich mir, dass es gar keine Normen gibt oder dass es zumindest selbstverständlich ist, sich, wenn man schon eine Meinung oder eine Eigenschaft mit der Mehrheit der Menschen teilt, sich bewusst damit auseinanderzusetzen und das nicht einfach als Standard anzunehmen. Wenn das nur so einfach wäre.

Erziehen heißt kämpfen

Über die ideologische Aufladung des Stillens und wie es Mutter und Kind an einander bindet (ausdrücklich nicht nur positiv gemeint), hat Lisa bereits geschrieben. Vor kurzem haben wir versucht, diese Bindung aufzubrechen: Lisa war am Abend aus, ich war vorbereitet mit zwei gefrorenen Mahlzeiten Muttermilch.

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Warum mein erstes Monat mit Kind nicht schrecklich war

Seit ca. einem Monat haben wir einen kleinen Mitbewohner. Die ersten vier Wochen haben wir beide zuhause verbracht. Im Vorfeld hatte ich viele Sorgen: Was, wenn wir uns auf die Nerven gehen? Wenn der Stress mit Kind zu viel wird? Wir uns nur noch mit dem Kind beschäftigen, aber nicht mehr mit einander?

Nichts davon ist eingetreten. Für mich waren diese vier Wochen herausfordernd, verzweifelt war ich aber ganz selten.

Ich denke, dass das auch ganz anders hätte laufen können. Ich habe mal eine ungeordnete, subjektive Liste von den Faktoren erstellt, die dazu beigetragen haben, diesen ersten Monat zu zu überstehen. Das ist keine Anleitung – nur meine persönliche Wahrnehmung.

Wir waren so gut wie immer zu zweit.

Wann immer ich Ängste oder Sorgen hatte oder mich gefragt habe, ob ich gerade richtig mit dem Kind umgehe, konnte ich mit Lisa darüber reden. Wenn ich gerade Kopfschmerzen hatte, hat Lisa die Windeln gewechselt, obwohl sie das davor schon einige Male hintereinander gemacht hat. Als das Kind kurz nach dem letzten Stillen in der Nacht aufgewacht ist und angefangen hat zu schreien, habe ich es aus dem Zimmer getragen und beruhigt. Als ich mich nicht bewegen konnte, weil das Kind – unruhig aber doch – auf mir eingeschlafen ist, ist sie zum Supermarkt gegangen und hat den dringen nötigen Kaffee nachgekauft.

Die Entscheidung für das Kind war von uns beiden getragen.

Lisa wollte früher Kinder als ich. Sie hat akzeptiert, dass ich mich noch nicht bereit gefühlt habe, und als es soweit war, haben wir uns beide gemeinsam ins Abenteuer geworfen.

Wir hatten Zeit, um uns vorzubereiten.

Über Kinder und Erziehungsfragen diskutieren wir schon länger, als wir Kinder wollen. Viele grundlegende Fragen waren schon geklärt, und über vieles konnten wir im Vorfeld reden. Wie lange gehen wir in Karenz? (Jeweils sieben Monate.) Welchen Vor- und Nachnamen wird das Kind haben? (Zwischenstand: Abraxas Kuchen-Kuchen.) Finden wir einen Kindergartenplatz? (Ja.) Lassen wir das Nabelschnurblut des Kindes einfrieren? (Nein.) Wollen wir einen 3D-Druck des Embryos anfertigen? (Vielleicht.) Kinderbetreuung, Rollenaufteilung, Ängste und Wünsche – wir haben uns vieles gemeinsam erarbeitet, und glücklicherweise hat sich nach der Geburt herausgestellt, dass uns viele der geführten Diskussion gut im Alltag weiterhelfen und ihn einfacher machen.

Wir hatten ein Familienzimmer im Krankenhaus.

Nicht von Anfang an – aber ab dem dritten Tag wurde ich im Krankenhaus mit aufgenommen und wir konnten unser Kind gemeinsam kennenlernen, die Nächte gemeinsam durchstehen und unsere Ängste und Sorgen gemeinsam besprechen.

Wir konnten auf viele Probleme Geld werfen, bis sie gelöst waren.

In den ersten Tagen nach der Geburt wollte das Kind noch nicht besonders gerne trinken (das ist eine Untertreibung). Wir haben uns an eine Stillberaterin gewandt, die einige Hausbesuche bei uns gemacht hat, wodurch es immer besser ging. Wir sind sehr froh darüber, dass wir momentan nicht zufüttern müssen, aber unsere Energie hat – trotz Unterstützung von FreundInnen, Familie und Stillberaterin – nur knapp gereicht um das durchzustehen.

Unser Kinderwagen ist super – und hat über 1000 Euro gekostet. Wir haben ihn geschenkt bekommen, und wenn das nicht gewesen wäre, hätten wir ihn uns selbst gekauft.

Uns ist egal, was unsere Windeln kosten. Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung was unsere Windeln pro Stück kosten, ich weiß nur dass sie zu den teuersten gehören und wir sehr zufrieden sind. Dass wir keine Preise vergleichen müssen und einfach die nehmen können, die für uns gut funktionieren, ist ein riesiges Privileg.

In unserem Umfeld haben wir absurd viele Bezugspersonen und Vorbilder.

Viele unserer FreundInnen haben bereits ein oder zwei Kinder und haben viele Entscheidungen so getroffen wie wir: Die Kinder früh in den Kindergarten zu schicken, sich die Karenz aufteilen, viel Zeit mit den Kindern verbringen ohne als eigenständige Person komplett zu verschwinden. Wir sehen ständig, dass diese Dinge möglich sind, und haben deshalb nie daran gezweifelt, dass wir das auch können.

Dazu kommt, dass unser beider Familien fast vollständig in Wien leben und das Kind für unsere Eltern das erste Enkelkind ist – wir bekommen also nicht nur aus dem Freundeskreis, sondern auch von unserer Familie unglaublich viel Unterstützung.

Durch meine und unsere politische Sozialisation waren viele Dinge von vornherein klar.

Die Frage, wer wie lange in Karenz geht, hat uns nicht lange beschäftigt. Dadurch, dass wir beide durch politisches Engagement u.a. in AKS und VSStÖ geprägt waren, war klar, dass wir versuchen, die Kinderbetreuung möglichst gerecht aufzuteilen und beide bald wieder arbeiten wollen. Wir haben ständig diskutiert – aber nicht über Grundsätzliches, sondern über Details wie „In welches Krankenhaus wollen wir?“ oder „Darf der Computer im Kinderzimmer stehenbleiben?“ (Darf er). Das habe ich als extrem wichtig empfunden, weil es uns ermöglicht hat, unsere gegenseitigen Vorstellungen sehr genau kennenzulernen.

Meine ArbeitskollegInnen haben meinen Papamonat bewusst respektiert.

Ich habe mir nach der Geburt einen Monat Urlaub und Zeitausgleich genommen. Ich bin Bereichsleiter und war vorher noch nie so lange am Stück weg. Meine Entscheidung wurde nie in Frage gestellt, ich habe gemeinsam mit meinen KollegInnen meine Abwesenheit vorbereitet, und während dieses einen Monats habe ich vielleicht 4-5 interne E-Mail-Anfragen von KollegInnen bekommen. Angerufen wurde ich nie. Das heißt nicht, dass nichts zu tun gewesen wäre – aber sie haben sich bewusst entschieden, mich nicht zu stören, um mir wirklich ungestört Zeit zu geben, mich auf das Leben mit Kind einzustellen.

Fazit

Ich möchte noch einmal betonen, dass diese Liste für niemanden gilt außer für mich. Es gibt vermutlich Menschen, deren Sachlage genau so ist wie meine und für die ihre ersten Wochen mit Kind trotzdem schrecklich waren. Ich frage mich, ob es mein Erleben dieser ersten zeit geändert hätte, wenn diese Liste um ein paar Punkte kürzer wäre. Vielleicht hätte es gereicht, ein- zweimal mit einem Notfall in der Arbeit konfrontiert zu werden, um mich herauszureissen, vielleicht wäre es egal gewesen.

Ich habe das Gefühl, dass viel darüber gesprochen wird, was für Schwierigkeiten und Probleme es gibt, wenn ein Kind in das eigene Leben tritt – was klar ist, es gibt unendlich viele. Aber genauso gibt es manchmal Dinge, die toll funktionieren, und über die sollte genau so diskutiert werden. Falls ihr Ergänzungen, eigene Erfahrungen oder Kritik habt, freue ich mich über Kommentare.