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Über die ideologische Aufladung des Stillens und wie es Mutter und Kind an einander bindet (ausdrücklich nicht nur positiv gemeint), hat Lisa bereits geschrieben. Vor kurzem haben wir versucht, diese Bindung aufzubrechen: Lisa war am Abend aus, ich war vorbereitet mit zwei gefrorenen Mahlzeiten Muttermilch.

Die ersten zwei Stunden laufen hervorragend: Das Kind schläft oder schaut interessiert in die Gegend. Dann zeigt es langsam erste Hungerzeichen, ich wärme die Milch, mache es mir und dem Kind bequem und führe die Flasche zum Mund. Was folgt: Gefühlte 30 Minuten Brüllen auf maximaler Lautstärke und keine Anzeichen, dass das Kind je die Absicht haben wird, auch nur leicht an der Flasche zu saugen. Dass er die Flasche hasst, wissen wir zwar schon, aber mit dieser Sturheit habe ich nicht gerechnet. Gleichzeitig sehe ich keine Alternative: Wenn Lisa irgendwann mal länger wegbleiben will, und wir irgendwie in die Nähe von gleichmäßiger Aufteilung der Betreuungsarbeit kommen wollen, muss es möglich sein, das Kind sowohl aus der Brust als auch aus der Flasche zu ernähren.

Ich tue, was ich kann und was mir einfällt: Ich rede mit ihm, erkläre ihm, warum ich ihn so quäle, warum das für Lisa und mich wichtig ist, streichle ihn, wechsle die Halte-Positionen, tröpfle etwas milch auf den Sauger, probiere verschiedene Winkel, um den Sauger in den Mund zu halten, gehe mit ihm auf und ab. Nichts. Schreien. Dann kommt Lisa nach Hause und ich habe Sorge, dass er das merkt und erst recht nicht mehr bereit ist, die Flasche zu probieren, wenn er merkt, dass die vertraute Brust verfügbar ist. Verzweifelt nehme ich ein getragenes Leiberl von Lisa und wickle ihn darin ein – vielleicht hilft ihm das, sich zu beruhigen. Fünf Minuten später trinkt er friedlich aus der Flasche – ob es das Leiberl war, Erschöpfung oder irgendetwas anderes, weiß ich nicht. Ich bin erleichtert, und erzähle ihm das, während er trinkt.

Ermutigt von diesem Erfolg beschließe ich, zu versuchen, ihn auch mit der Flasche durch die Nacht zu bringen. Er trinkt dreimal, jedesmal mit weniger Widerstand. Das heißt: Beim ersten Nachttrinken brüllt er nur noch 20 Minuten, bevor er trinkt, dann 15, am Schluss 10. Während er schreit und ich ihm die Flasche zum Mund halte, frage ich mich, ob ich ihm gerade ein Riesentrauma verursache. Es fühlt sich nicht gut an, so ausdauernd und konsequent etwas zu machen, was er hasst. Ich rede auf ihn ein, nehme ihn fest an mich, streichle ihn, wiege ihn, aber wenn ich ehrlich bin, ist das genau so zu meiner Beruhigung wie zu seiner, und bei mir wirkt es wenigstens. Ich habe das Gefühl, wenigstens alles zu machen, was ich kann, damit er sich weniger schrecklich fühlt, wenn ich schon entschlossen bin, ihm diesen Sauger in den Mund zu stopfen, den er hasst. Irgendwann fange ich an zu singen – auch das eher für mich als für ihn, die Wiederholung und die Melodie beruhigen mich und lassen sein Schreien etwas weniger auf mich wirken.

Wenn er dann endlich saugt, bin ich einerseits erleichtert und habe andererseits das Gefühl, seinen Widerstand gebrochen zu haben. Ich denke mir, dass ich mein Kind nicht brechen sollte. Trotzdem mache ich weiter. Ich habe Angst, dass er dieses unangenehme Erlebnis mit mir verbindet und das unsere Beziehung nachhaltig zerstört.

In der Früh bekommt er wieder die Brust, ist ruhig und zufrieden, und als ich am Abend nach Hause komme, lässt er sich von mir wie immer nehmen, halten und bekuscheln. Ich bin erleichtert.