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Seit ca. einem Monat haben wir einen kleinen Mitbewohner. Die ersten vier Wochen haben wir beide zuhause verbracht. Im Vorfeld hatte ich viele Sorgen: Was, wenn wir uns auf die Nerven gehen? Wenn der Stress mit Kind zu viel wird? Wir uns nur noch mit dem Kind beschäftigen, aber nicht mehr mit einander?

Nichts davon ist eingetreten. Für mich waren diese vier Wochen herausfordernd, verzweifelt war ich aber ganz selten.

Ich denke, dass das auch ganz anders hätte laufen können. Ich habe mal eine ungeordnete, subjektive Liste von den Faktoren erstellt, die dazu beigetragen haben, diesen ersten Monat zu zu überstehen. Das ist keine Anleitung – nur meine persönliche Wahrnehmung.

Wir waren so gut wie immer zu zweit.

Wann immer ich Ängste oder Sorgen hatte oder mich gefragt habe, ob ich gerade richtig mit dem Kind umgehe, konnte ich mit Lisa darüber reden. Wenn ich gerade Kopfschmerzen hatte, hat Lisa die Windeln gewechselt, obwohl sie das davor schon einige Male hintereinander gemacht hat. Als das Kind kurz nach dem letzten Stillen in der Nacht aufgewacht ist und angefangen hat zu schreien, habe ich es aus dem Zimmer getragen und beruhigt. Als ich mich nicht bewegen konnte, weil das Kind – unruhig aber doch – auf mir eingeschlafen ist, ist sie zum Supermarkt gegangen und hat den dringen nötigen Kaffee nachgekauft.

Die Entscheidung für das Kind war von uns beiden getragen.

Lisa wollte früher Kinder als ich. Sie hat akzeptiert, dass ich mich noch nicht bereit gefühlt habe, und als es soweit war, haben wir uns beide gemeinsam ins Abenteuer geworfen.

Wir hatten Zeit, um uns vorzubereiten.

Über Kinder und Erziehungsfragen diskutieren wir schon länger, als wir Kinder wollen. Viele grundlegende Fragen waren schon geklärt, und über vieles konnten wir im Vorfeld reden. Wie lange gehen wir in Karenz? (Jeweils sieben Monate.) Welchen Vor- und Nachnamen wird das Kind haben? (Zwischenstand: Abraxas Kuchen-Kuchen.) Finden wir einen Kindergartenplatz? (Ja.) Lassen wir das Nabelschnurblut des Kindes einfrieren? (Nein.) Wollen wir einen 3D-Druck des Embryos anfertigen? (Vielleicht.) Kinderbetreuung, Rollenaufteilung, Ängste und Wünsche – wir haben uns vieles gemeinsam erarbeitet, und glücklicherweise hat sich nach der Geburt herausgestellt, dass uns viele der geführten Diskussion gut im Alltag weiterhelfen und ihn einfacher machen.

Wir hatten ein Familienzimmer im Krankenhaus.

Nicht von Anfang an – aber ab dem dritten Tag wurde ich im Krankenhaus mit aufgenommen und wir konnten unser Kind gemeinsam kennenlernen, die Nächte gemeinsam durchstehen und unsere Ängste und Sorgen gemeinsam besprechen.

Wir konnten auf viele Probleme Geld werfen, bis sie gelöst waren.

In den ersten Tagen nach der Geburt wollte das Kind noch nicht besonders gerne trinken (das ist eine Untertreibung). Wir haben uns an eine Stillberaterin gewandt, die einige Hausbesuche bei uns gemacht hat, wodurch es immer besser ging. Wir sind sehr froh darüber, dass wir momentan nicht zufüttern müssen, aber unsere Energie hat – trotz Unterstützung von FreundInnen, Familie und Stillberaterin – nur knapp gereicht um das durchzustehen.

Unser Kinderwagen ist super – und hat über 1000 Euro gekostet. Wir haben ihn geschenkt bekommen, und wenn das nicht gewesen wäre, hätten wir ihn uns selbst gekauft.

Uns ist egal, was unsere Windeln kosten. Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung was unsere Windeln pro Stück kosten, ich weiß nur dass sie zu den teuersten gehören und wir sehr zufrieden sind. Dass wir keine Preise vergleichen müssen und einfach die nehmen können, die für uns gut funktionieren, ist ein riesiges Privileg.

In unserem Umfeld haben wir absurd viele Bezugspersonen und Vorbilder.

Viele unserer FreundInnen haben bereits ein oder zwei Kinder und haben viele Entscheidungen so getroffen wie wir: Die Kinder früh in den Kindergarten zu schicken, sich die Karenz aufteilen, viel Zeit mit den Kindern verbringen ohne als eigenständige Person komplett zu verschwinden. Wir sehen ständig, dass diese Dinge möglich sind, und haben deshalb nie daran gezweifelt, dass wir das auch können.

Dazu kommt, dass unser beider Familien fast vollständig in Wien leben und das Kind für unsere Eltern das erste Enkelkind ist – wir bekommen also nicht nur aus dem Freundeskreis, sondern auch von unserer Familie unglaublich viel Unterstützung.

Durch meine und unsere politische Sozialisation waren viele Dinge von vornherein klar.

Die Frage, wer wie lange in Karenz geht, hat uns nicht lange beschäftigt. Dadurch, dass wir beide durch politisches Engagement u.a. in AKS und VSStÖ geprägt waren, war klar, dass wir versuchen, die Kinderbetreuung möglichst gerecht aufzuteilen und beide bald wieder arbeiten wollen. Wir haben ständig diskutiert – aber nicht über Grundsätzliches, sondern über Details wie „In welches Krankenhaus wollen wir?“ oder „Darf der Computer im Kinderzimmer stehenbleiben?“ (Darf er). Das habe ich als extrem wichtig empfunden, weil es uns ermöglicht hat, unsere gegenseitigen Vorstellungen sehr genau kennenzulernen.

Meine ArbeitskollegInnen haben meinen Papamonat bewusst respektiert.

Ich habe mir nach der Geburt einen Monat Urlaub und Zeitausgleich genommen. Ich bin Bereichsleiter und war vorher noch nie so lange am Stück weg. Meine Entscheidung wurde nie in Frage gestellt, ich habe gemeinsam mit meinen KollegInnen meine Abwesenheit vorbereitet, und während dieses einen Monats habe ich vielleicht 4-5 interne E-Mail-Anfragen von KollegInnen bekommen. Angerufen wurde ich nie. Das heißt nicht, dass nichts zu tun gewesen wäre – aber sie haben sich bewusst entschieden, mich nicht zu stören, um mir wirklich ungestört Zeit zu geben, mich auf das Leben mit Kind einzustellen.

Fazit

Ich möchte noch einmal betonen, dass diese Liste für niemanden gilt außer für mich. Es gibt vermutlich Menschen, deren Sachlage genau so ist wie meine und für die ihre ersten Wochen mit Kind trotzdem schrecklich waren. Ich frage mich, ob es mein Erleben dieser ersten zeit geändert hätte, wenn diese Liste um ein paar Punkte kürzer wäre. Vielleicht hätte es gereicht, ein- zweimal mit einem Notfall in der Arbeit konfrontiert zu werden, um mich herauszureissen, vielleicht wäre es egal gewesen.

Ich habe das Gefühl, dass viel darüber gesprochen wird, was für Schwierigkeiten und Probleme es gibt, wenn ein Kind in das eigene Leben tritt – was klar ist, es gibt unendlich viele. Aber genauso gibt es manchmal Dinge, die toll funktionieren, und über die sollte genau so diskutiert werden. Falls ihr Ergänzungen, eigene Erfahrungen oder Kritik habt, freue ich mich über Kommentare.